Archiv für den Monat: November 2013

Es macht Spaß, ein Gründer zu sein

Interview in LN _ DIE WIRTSCHAFT Lübeck und Schleswig-Holstein

RM 2013

Interview: Christian Risch / LN  /  Foto:© Olaf Malzahn

Es macht Spaß, ein Gründer zu sein

Herr Mildner, was war das erste Unternehmen, das Sie im TZL unterstützt haben? Raimund Mildner: Angefangen haben wir mit sechs, sieben kleinen Firmen, die bei der Gründung des TZL gleich auf der Matte standen. Das erste prototypische Unternehmen war dabei die Firma Basler. Das waren damals zwei junge Ingenieure aus Braunschweig, die hatten die Idee, Bildverarbeitung in Produktionprozessen anzubieten, um fehlerhafte Produkte auszusortieren. Sie haben als Ingenieurbüro Dienstleistungen angeboten.

Was konnten Sie am Anfang für die junge Firma tun? Wir konnten ihnen das wirtschaftliche Handwerkszeug vermitteln, Kenntnisse in Buchführung, Marketing oder wie man auf Unternehmen zugeht. Außerdem konnten wir ihnen Fördermittel vom Land für Forschung und Entwicklung besorgen sowie auch kleinere Aufträge, um finanzielle Engpässe in der Entwicklung zu überbrücken. Die jungen Gründer brauchten diesen Anschub, um aus der Dienstleistung ins Produktgeschäft zu kommen. Das dritte, was wir tun konnten, war die Vermittlung der richtigen Partner, mit dem sie ihre Produkte etablieren konnten. Zur damaligen Zeit haben viele Ingenieure aus einer Dienstleistung heraus eigene Produktlinien geschaffen.

Und heute ist Basler ein großes Unternehmen… Ja, Basler hat sich acht Jahre im TZL entwickeln können, dann wollte die Firma ihren eigenen Standort haben und ist nach Ahrensburg gegangen. Heute hat sie rund 300 Mitarbeiter und ist bis jetzt die größte Firma, die aus dem TZL hervorgegangen ist.

Wie entstand die Idee, das Technikzentrum Lübeck zu etablieren? Der damalige IHK-Präses Richter bekam Kenntnis vom seinerzeit allerersten Technikzentrum im südschwedischen Lund und war begeistert. Diese Idee hatte er ins damals vom Werftensterben sehr gebeutelte Lübeck mitgebracht. Ihm persönlich ist es zu verdanken, dass die Idee umgesetzt wurde. Er hat damals Geld bei den renommierten Unternehmerpersönlichkeiten in der Region dafür gesammelt. Schon damals waren es 30 Gesellschafter, die bis heute alle bei der Stange geblieben sind. Das TZL selbst wurde dann weitestgehend unabhängig von der Kammer aufgebaut. Die Stadt Lübeck ist weder direkt noch mittelbar beteiligt.

Welchen Nutzen ziehen die heute über 90 Gesellschafter aus dem TZL? Materiell gar keinen, wir sind gesellschaftsrechtlich gemeinnützig, also ein Non-Profit-Unternehmen. Im Wesentlichen ist es das gute Gefühl, dass Sie mit ihrem Engagement etwas Gutes für die Entwicklung des Standortes getan haben. Über die Jahre haben die von uns begleiteten Unternehmen immerhin über 2000 Arbeitsplätze geschaffen. Darauf können alle gemeinsam stolz sein.

Wenn Sie den Firmenstandort bei Gründung des TZL mit heute vergleichen — wie würden Sie den Wandel beschreiben? Wir sind nach wie vor echt breit aufgestellt. Auch die häufig genannte Medizintechnik ist ja eine Querschnittstechnologie, sie hat viele Schnittmengen mit Informatik, Maschinen- und Gerätebau und Optik. Das spiegelt sich nach wie vor in den Unternehmen wider. Eigentlich war die Grundidee des Technikzentrums damals: Weil Lübeck zu klein ist, um nur von Gründungen leben zu können, müssen die Bereiche Forschung und Entwicklung, Technologietransfer und Firmengründung im TZL gebündelt werden.

Hat das funktioniert? Ja, aber im Laufe der Zeit hat sich die Gewichtung verschoben. Früher lag der Schwerpunkt auf Technologietransfer, heute auf Gründung. Wir arbeiten da eng und partnerschaftlich mit den Hochschulen zusammen. Wir sind bei diesem Prozess die Koordinatoren und Moderatoren, unterstützen mit Räumen und Beratung, helfen aber auch ganz konkret in finanziellen Belangen und mit Firmenkontakten, wie eben seinerzeit schon bei der Firma Basler.

Wie wird aus Wissenschaft Wirtschaft? Was ist der entscheidende Punkt, und wie erkennt man ihn? Bei der Wissenschaft steht ja zunächst nicht wirtschaftliche Wertschöpfung im Vordergrund, sondern die wissenschaftliche Erkenntnis. Wenn Wissenschaftler dann manchmal erkannt haben, oh, mit meiner Idee kann ich auch Geld verdienen, stand das immer ganz am Ende der Forschung. Es war immer die Einzelinitiative von unternehmerisch begabten Menschen. Heute versuchen wir, schon in der Frühphase von Forschungsprojekten zu erkennen, ob man mit der Anwendung von angestrebten Projektergebnissen vielleicht Geld verdienen kann, um dann systematisch darauf hinzuarbeiten. Wir versuchen heute viel mehr Projekte zu generieren, die später in eine Gründung münden können. Und je länger sich die Projektbeteiligten mit dem Gedanken befassen und ihn reifen lassen können, desto leichter ist der Schritt, Unternehmer zu werden und engagierte Mitarbeiter zu finden. Heute finden viele Teamgründungen statt.

Was prüfen Sie konkret? Wir schauen zunächst: Wer kann womöglich Forschungsergebnisse nutzen, wer ist der Anwender? Die erwartete Nützlichkeit einer Anwendung legt dann nahe, eine wirtschaftliche Verwertung zu bedenken. Und wenn die potenzielle Verwertung eine Gründung ermöglichen könnte, dann versuchen wir, die Beteiligten zu motivieren und zu unterstützen und stellen das Rüstzeug zur Verfügung. Wir bieten die Kenntnisse an, wie Märkte funktionieren, wie man verkauft oder Marketing und Vertrieb aufbaut. Und krempeln dabei auch selbst mit die Ärmel hoch.

Sie müssen also in einem früheren Stadium mit Professoren klären, welche Projekte sich eignen können. Richtig, wir müssen auf die Forscher zugehen, sie begleiten und motivieren, und zwar schon frühzeitig, wenn Forscher vielleicht noch gar nicht an Verwertung oder Gründung denken. Unser Anliegen sind Gründungen, die wir gezielt herbeiführen wollen: Wir wollen nicht darauf warten, dass sie zufällig entstehen. Wenn Sie so wollen, sind Gründungen unser eigenes Produktziel.

Und manch einer hat vorher gar nicht daran gedacht . . .Ja, es gibt richtige Aha-Effekte. Gemeinsam mit den Hochschulen wollen wir vermitteln, dass Firmengründungen etwas Interessantes sind, dass es Spaß macht, unternehmerisch tätig zu werden. Ich habe einen kleinen Lehrauftrag zum Thema Start-up und New Business; vor zwei Jahren interessierten sich zehn Studenten dafür, jetzt sind es bereits 40. Das Förderprojekt Exist- Gründerhochschule, an dem wir aktiv mitwirken und gemeinsam mit IHK und Possehl-Stiftung eine Entrepreneurship-Professur sponsern, baut die Gründerkultur auf dem BioMedTec-Campus systematisch auf.

Müssen Sie auch Überredungskünstler sein? Nein, eher Überzeugungsmotivator. Überreden macht keinen Sinn. Wir versuchen Interessen und Neigungen zu wecken und zu verstärken. Heute gründen oft kleine Teams ein Unternehmen, um sich Verantwortung und Kosten zu teilen. Das ist durchaus auch sinnvoll. Und die Nähe zu den Hochschulinstituten ist ein starker Unterstützungsfaktor für die Gründer.

Hat sich etwas in der Einstellung geändert? Heute denken mehr Studenten als früher, dass Unternehmertum spannend sein kann. Und es gibt viele, die den Schritt gewagt haben und jetzt ein paar Jahre als Firmengründer hinter sich haben, und die ihre Erfahrung an junge Forscher weitergeben. Jeder würde diesen Schritt noch einmal tun, trotz aller Schwierigkeiten, die bewältigt werden müssen. Die meisten wissen, dass sie wohl kein zweiter Bill Gates werden, obschon manche Gründer reich geworden sind. Es geht aber primär darum, den Spaß zu haben, Unternehmer zu sein, eine Firma zu gestalten, das verbindet alle hier. Und das bringt viel Motivation für die nächste Generation von Gründern.

Können Sie vom Erfahrungsaustausch mit anderen Technikzentren profitieren? Es gibt etwa 160 Technikzentren in Deutschland. Wir haben hier in Lübeck einen völlig eigenen Weg eingeschlagen, der ziemlich einzigartig ist. Die großen Standorte wie etwa Dortmund, Aachen oder Berlin haben alle große Universitäten in der Nähe. Wir sind ein vergleichsweise sehr kleiner — feiner — Wissenschafts-Standort, aber spielen bundesweit dennoch in der Topliga mit. Das hat eben vor allem auch damit zu tun, dass wir nicht darauf warten, dass Gründungen irgendwie passieren, sondern uns kümmern. Und dann entsteht auch eine zum Teil eigendynamische Raumnachfrage. Mit unserem aktuellen Campus-Neubau haben wir demnächst rund 40 000 Quadratmeter Fläche im TZL, an drei Standorten in 16 Gebäuden. Das kann sich bundesweit mehr als sehen lassen. Der Lübecker Ruf in der Gründer- und BioMedTec-Wissenschaftsszene ist jedenfalls gut.

 

Cine+ Rück- und Vorschau

… Cine+ hat gestern den Film „Enthüllung/Disclosure“ gezeigt. Michael Douglas wird von deiner Chefin sexuell belästigt und soll anschließend wegen Inkompetenz geschasst werden, kann dies aber durch Technologiekenntnisse in Sachen Reinraumproduktion abwenden.

Die Themen des Thrillers wurden durch interessante Kurzvorträge kommentiert: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist jedes sexuell bestimmte Verhalten, das nicht erwünscht und als beleidigend empfunden wird. Statistiken zeigen, dass zwar deutlich mehr Frauen betroffen sind, durchaus aber auch Männer. Dies hängt im Wesentlich auch damit zusammen, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz eine Form von Machtausübung ist, und die liegt in Firmen eben noch überwiegend bei Männern. Übrigens: 55% der Studentinnen klagen über sexuelle Belästigung auf dem Campus; 82% von den Kommilitonen ausgehend.

Das Reinraumthema wurde danach am Beispiel einer Laserproduktion in Lübeck erläutert, die in einem vergleichsweise bereits sehr hochwertigen Reinraum der Klasse 6 stattfindet – Bau 1 Mio, technischer Ausbau 2,5 Mio. Die Bedeutung hochreiner Luft für moderne Produktionsprozesse wurde für Spiegeloptiken dargestellt, bei denen die geringste Verunreinigung und elektromagnetisch begünstigte Anlagerung von Partikeln durch den konzentrierten Laserstrahl zu Zerstörung eines Lasergerätes führen würde.

Nächste Cine+ Veranstaltung am Montag, 2.Dezember um 18.00 Uhr im MFC mit dem Film „Wallstreet“ samt kundiger Kommentierung durch Profs Ladwig und Dierks.

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Vernissage im MFC am 15. November

… wer sich schon einmal ins MFC „verlaufen“ hat, wird das Großgemälde Human-DNA im Foyer erinnern. Der Künstler Professor Guldner lädt ein, neuere Werke auf der Vernissage zur aktuellen Ausstellung am Freitag den 15. November um 19.00 Uhr im MFC anzuschauen, Gespräche zu führen, ein wenig Musik zu lauschen sowie Speis´und Trank nicht abgeneigt zu sein. Herzlich willkommen. Anmeldung unter info@tzl.de

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